Vertrauen

Vertrauen oder lieber nicht vertrauen?

Vertrauen ist ein schwieriges Thema für Menschen wie mich. In den Zeiten meiner aktiven Sucht als Junkie war es besser, niemandem zu vertrauen. Man wusste nie, was im nächsten Augenblick geschehen würde. Als Kind und Teenie zu Hause war es ähnlich. Die Erziehung war unberechenbar. Was erwartet mich, wenn ich nach Hause komme? Ein Verhör? Hausarrest für einige Wochen? Gebrüll? Ruhe?

Kurz gesagt glich das Leben dem Leben eines Spatzen: immer schauen, dass man einen kleinen Brocken abbekommt, wenn er sich bietet und vor allem IMMER auf der Hut sein. Schnell weg sein. Spatzen sind flink und schlau. Das sind gute Fähigkeiten zu Überleben – für Spatzen. Wenn man als Mensch aber wie ein Spatz aufwächst, bedeutet es seiner Umwelt nicht vertrauen zu können und immer eine latente Angst mit sich herumzutragen, auf deren Grundlage sich der Alltag abspielt.

Ein entspanntes Urvertrauen ist dabei irgendwie schon früh abhanden gekommen.

Als Menschen können wir jedoch nur als Gemeinschaft und in Liebe zusammenleben, wenn wir einander vertrauen.

Trotz meiner Geschichte habe ich mir bei allem Misstrauen und Skepsis eine kindliche Naivität erhalten, die mich immer wieder vertrauen lässt. Da ich es aber nicht besser gelernt habe und mir selbst oft nicht mehr vertrauen konnte, ist es mir häufig passiert, dass ich ganz naiv Leuten glaubte, die mir geschadet, die mich oft angelogen haben im Rahmen ihrer eigenen Sucht oder Not. Später habe ich auch diversen Chefs geglaubt, dass der Arbeitsvertrag verlängert wird, die Beförderung mit entsprechender Entlohnung kommt – die dann auch kam, nur leider ohne die entsprechende Entlohnung usw.

Vertrauensmissbrauch

Stimmt es, dass mein Vertrauen missbraucht wurde? Oder habe ich die Bedeutung von Vertrauen gar nicht richtig gedeutet?

Wenn ich die Worte eines anderen glaube und daraufhin eine Erwartung hege, dass es in Zukunft so eintreten möge, wie es mir gesagt wurde oder ich es mir ausmale – vertraue ich dann?

Oder erwarte ich?

In meinem Fall erwarte ich.

Schnell habe ich einen Plan im Kopf, wie es sich entwickeln soll. Die Folge davon ist ein regelmäßiger Abgleich mit der Realität. Anders ausgedrückt:

Kontrolle

Ich kontrolliere. Das hat mit Vertrauen nicht mehr viel zu tun. Treibe ich es noch weiter, beginne ich etwas einzufordern. Gut, dann habe ich das Vertrauen ganz verlassen und bestehe auf die Erfüllung meiner Erwartungen.

Und wenn sie nicht erfüllt werden, fühle ich mich betrogen.

Ups, oder habe ich mich vielleicht gerade selbst betrogen?

Das kann ganz schön schnell geschehen.

Gottvertrauen

Und wie ist es mit Gott? Habe ich Gottvertrauen. Ja, super. Dann arbeite ich sogar mit ihm zusammen, bete, meditiere und bitte um etwas ganz im Vertrauen auf ihn, den Big Boss. Er kann und wird es schon richten – nach meinen Wünschen natürlich.

Irgendwann wache ich dann auf aus dieser Illusion, meistens wenn es anders kam, als von mir erbeten. Mir wird bewusst, dass nicht ich den Plan habe, dass ich selbst oft zu kurz denke und vor allem nur an mich.

Die Naturgesetze bleiben gleich, auch wenn ich bete und vertraue.

Wie geht das nun mit dem Vertrauen?

Was sagt uns denn der Duden zum Vertrauen?

Festes Überzeugtsein von der Verlässlichkeit, Zuverlässigkeit einer Person, Sache.“

Aha – na dann ist klar, warum Menschen wie ich ein Problem damit haben und zwar immer dann, wenn Personen nicht das tun, was sie sagen und die Sache sich nicht so verhält wie sie scheint oder wie gedacht. An ihren Taten sollt Ihr sie erkennen stand doch irgendwo in einem schlauen Buch.

Wenn es um das Vertrauen geht, bin ich die aktive Person. Ich vertraue, ich bin fest überzeugt von etwas. Ich glaube den Worten anderer. Gute Sache.

Daher verschenkt man das Vertrauen auch und verliert es dann wieder. Oder man fasst Vertrauen aufgrund von positiver Erfahrung der Zuverlässigkeit. Vertrauen kann man genießen und sogar gewinnen. Manchmal ist Vertrauen auch blind. Immer jedoch bringe ich es dem anderen entgegen. Es braucht also mindestens 2 dazu. Vertrauen gibt mir auch etwas: das Gefühl von Sicherheit und Freundschaft. Treue und Respekt. Nur wenn jemand würdig ist, dass ich ihm/ ihr glaube, verdient er/ sie mein Vertrauen.

Was mache ich nun, wenn ich verlernt habe zu vertrauen?

Ich schließe mein Fahrrad ab und vertraue darauf, dass es an der angebundenen Stelle auf mich wartet. Erwarten kann ich es nicht. Zu den Naturgesetzen einer Stadt gehört auch, es nicht über Nacht irgendwo abgeschlossen und angebunden stehen zu lassen. Dann ist es am nächsten Tag vielleicht noch dort als Gestell ohne Räder und ohne Sattel und obendrein verbogen.

Gute Erfahrungen mache ich immer, wenn mein Fahrrad abends in die Garage kommt. Mein Fahrrad abzuschließen und anzubinden ist weder Vertrauen noch Kontrolle und beruht nicht auf der Erwartung, dass es gestohlen wird oder dann sicher noch dort sein wird. Es ist einfach eine Handlung, die sich bewährt hat. Es funktioniert. Praktisch. Einfach. Gut.

Vertrauen ist möglich.

Im Kleinen

Wie wäre es denn, wenn ich beginne, mir selbst zu vertrauen? Ist doch eine super Idee. Wenn ich dann enttäuscht werde, habe ich selbst die Entscheidung getroffen, mir untreu zu werden oder positiv gesehen eine neue freie Entscheidung zu treffen.

Vielleicht bleibe ich beim nächsten Mal bei meiner ersten Entscheidung, die mir hilft, mir selbst immer mehr selbst zu vertrauen. Ich lerne, sorgsamer mit mir umzugehen.

Heute will ich mir vertrauen, auch wenn ich spontan eine neue Entscheidung treffen werde, einen Fehler mache und mich über mich selbst ärgere. Tatsächlich habe ich mir heute völlig unnötig eine Beule ins Auto gefahren. Der Kotflügel ist hin. Wie sehr habe ich mich geärgert und mich gefragt, wie ich nur so blöd sein konnte, 1 Sekunde zu früh einzuschlagen. Bisher konnte ich mich doch auf meine Fahrfähigkeit immer verlassen.

Daher habe ich sofort aufgehört mich zu ärgern, mich anzuzweifeln und zu verurteilen. Eine Sekunde nicht aufgepasst und eine falsche Entscheidung getroffen. Das passiert. Und die 26 Jahre, die ich unfall- und beulenfrei gefahren bin? Die zeigen mir, dass ich mir vertrauen und dass ich mich auf mich verlassen kann. Demnächst halte ich noch eine Sekunde länger inne, bevor ich einschlage. Mein Auto kann sich auch auf mich verlassen und bekommt einen neuen Kotflügel. Bei allem Selbstvertrauen darf ich noch etwas achtsamer sein. Gut is.

Im Großen:

Grundsätzlich vertraue ich meinem Leben und dass sich alles nach meinem Lebensplan entwickelt, den ich vor diesem Leben mitgestaltet habe, damit alles in einen großen Plan für alle Menschen passt. Eine Beule inbegriffen.

Und wenn es so richtig schief läuft, dann weiß ich, dass ich selbst schwierigste Phasen überstehe und dass ich gestärkt mit neuen Fähigkeiten daraus hervor gehen werde. Bis dahin vertraue ich auf die Weisheit des Lebens.

Zu meiner seelischen Gesundheit gehört das Vertrauen.

2 Kommentare

  • Danke für den guten Nährboden den Du mir mit diesen Worten gibst , auf dem können immer wieder viele wunderbare Blumen gedeihen 🙂 !

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    • Danke liebe Antje,
      ein sehr schönes Bild, eine Wiese aus nährendem Vertrauen, auf dem viele wunderbare Blumen stehen – zur Freude aller.

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